Facebooksucht?- kritische Anmerkungen zur Abhängigkeit von social networks

Gerade wurde eine neue Studie veröffentlicht, laut der rund 560.000 Menschen als internetsüchtig einzustufen sind. Das entspricht etwa einem Prozent der 14- bis 64-Jährigen. In der Altersgruppe der 14- bis 24-Jährigen weist die Studie höhere Zahlen auf: 2,4 Prozent seien abhängig und  13,6 Prozent „problematische Internetnutzer“. Die abhängigen Mädchen nutzen zu 77 Prozent soziale Netzwerke die abhängigen Jungen zu 64,8 Prozent. Die Studie kann hier heruntergeladen werden: http://www.drogenbeauftragte.de/fileadmin/dateien-dba/DrogenundSucht/Computerspiele_Internetsucht/Downloads/PINTA-Bericht-Endfassung_280611.pdf

Die große Frage, neben der noch immer fehlenden Anerkennung der Internetsucht als klinisches Störungsbild, ist die Frage, inwieweit man von einem kommunikativ geprägten Medium abhängig werden kann. Ich kann die Situation nur für die Gruppe der Jugendlichen darstellen, die in der Studie als besonders auffällig angesehen werden. Vorweg noch: Solche Studien sind wichtig, um ein Bild der aktuellen Lage und eben auch der Gefahren der Medien zu bekommen. Man sollte jedoch ihre Aussagekraft nicht überschätzen, da wir uns nach wie vor am Anfang der Mediensuchtforschung befinden und diese Form der Repräsentativerhebung immer kritisch betrachtet werden sollten.

In der Studie wurden den Probanden bestimmte Fragen gestellt. Einige von Diesen und ihre, meiner Meinung nach, nur eingeschränkte Übertragbarkeit in Bezug auf social networks und Jugendliche,  werde ich im Folgenden darstellen. An der unvollständigen Nummerierung sieht man, dass ich einige Originalfragen nicht kommentiert habe. Fett dargestellt sind die in der Studie gestellten Fragen.

2. Wie häufig setzen Sie Ihren Internetgebrauch fort, obwohl Sie eigentlich aufhören wollten?

Diese Frage nach den Abstinenzversuchen, ist für eine Erfassung der Abhängigkeit von social networks nicht geeignet. Stellen sie sich vor, sie sind auf einer Party, wollten gerade gehen und treffen an der Tür einen guten Freund, den sie länger nicht mehr gesehen haben. Was passiert? Sie werden bleiben und sich an der Tür mit dem Mantel in der Hand „festquatschen“. Sind sie nun partysüchtig und haben einen erfolglosen Abstinenzversuch hinter sich? Nein sicher nicht. Dasselbe passiert online in der virtuell-realen Welt. Oft kommen Freunde online wenn man sich gerade ausloggen will. Doch ein Suchtkennzeichen ist es nicht, wenn man dann doch noch länger bleibt.

3. Wie häufig sagen Ihnen andere Menschen, z.B. Ihr Partner, Kinder, Eltern oder Freunde, dass Sie das Internet weniger nutzen sollten?

Ich persönlich kenne kaum einen Jugendlichen, der nicht schon von seinen Eltern auf die zu hohe Internetnutzungszeit angesprochen wurde. Unabhängig von der tatsächlichen (aktiven) Nutzungszeit. Denn die Frage, wie lange man das Internet täglich nutzen sollte, wird von Jugendlichen und Erwachsenen oft sehr unterschiedlich beantwortet. Diese Frage sollte darum genau in dieser Gruppe nicht überbewertet werden.

6. Wie häufig denken Sie an das Internet, auch wenn Sie gerade nicht online sind?

Wie häufig denken sie an Ihren Partner wenn er nicht bei Ihnen ist? An den Schwarm in den man verliebt ist? – Trifft man diesen im Internet, weil Entfernungen wie die in die nächste Stadt für Jugendliche oft unendlich groß sind, denkt man auch an das Internet. Wie diese Frage interpretiert wurde, ist darum nur schwer nachzuvollziehen.

7. Wie oft freuen Sie sich bereits auf Ihre nächste Internetsitzung?

Siehe Frage 6 😉

12. Wie häufig gehen Sie ins Internet, wenn Sie sich niedergeschlagen fühlen?

Wie häufig rufen sie ihre beste Freundin /ihren besten Kumpel an, wenn es ihnen nicht gut geht? Oft? Dann sind sie Telefonsüchtig? Nein…. Süchtig nach sozialen Kontakten? Nein, sie zeigen ein normales, vernünftiges Verhalten das auch als solches interpretiert werden sollte. Niedergeschlagenheit alleine besitzt keine wirkliche Aussagekraft. Zumal gerade in sozialen Netzwerken Probleme, die eine solche Niedergeschlagenheit verursachen mit anderen besprochen werden können. Hier muss differenziert werden ob die Niedergeschlagenheit zu einem Rückzug aus eben solchen, eher produktiven, Interaktionen führt.

Ok, ich relativiere die von meiner Seite zugegebenermaßen übertriebene Darstellung. Gerade bei social networks stellt sich immer die Frage, ob das Netzwerk nicht nur EIN Mittel zur Kommunikation mit dem Freundeskreis darstellt- oder tatsächlich viele eigene Anteile mitbringt, die darüber hinausgehen. Gerade im Jugendalter ist Facebook das Kommunikationsmittel schlechthin. Jugendliche pflegen ihre Kontakte darüber, machen reale Treffen aus und erledigen gemeinsam die Hausaufgaben. Das heißt es handelt sich bis zu einem gewissen Punkt um normales und nicht um süchtiges Verhalten.

Um dies zu verdeutlichen, habe ich die gestellten Fragen einmal umgeschrieben und Internet durch Party ersetzt. Versetzen sie sich bitte einmal in die Lage eines Jugendlichen und versuchen diesen Test zu beantworten. Ich will das Thema auf keinen Fall verharmlosen, Ihnen aber die Sicht der Jugendlichen etwas näher bringen.

 Items des CIUS  (Antwortkategorien: nie, selten, manchmal, häufig, sehr häufig): frei interpretiert

1. Wie häufig finden Sie es schwierig, eine Party zu verlassen die sie besuchen?                                            2. Wie häufig bleiben sie auf einer Party, obwohl Sie eigentlich gehen wollten?                                                3. Wie häufig sagen Ihnen andere Menschen, z.B. Ihr Partner, Kinder, Eltern oder Freunde, dass Sie weniger auf Partys gehen sollten?                                                                                                                            4. Wie häufig bevorzugen Sie Partys statt Zeit mit anderen zu verbringen, z.B. mit Ihrem Partner, Kindern, Eltern, Freunden?                                                                                                                                      5. Wie häufig schlafen Sie zu wenig wegen Partys?                                                                                        6. Wie häufig denken Sie an das Partys, auch wenn Sie gerade nicht auf einer sind?                                       7. Wie oft freuen Sie sich bereits auf Ihre nächste Party?                                                                                8. Wie häufig denken Sie darüber nach, dass Sie weniger Zeit mit Partys verbringen sollten?                           9. Wie häufig haben Sie erfolglos versucht, weniger Zeit auf Partys zu verbringen?                                          10. Wie häufig erledigen Sie Ihre Aufgaben zu Hause hastig, damit Sie früher auf eine Party können?               11. Wie häufig vernachlässigen Sie Ihre Alltagsverpflichtungen (Arbeit, Schule, Familienleben), weil Sie lieber auf Partys gehen?                                                                                                                                    12. Wie häufig gehen Sie auf Partys, wenn Sie sich niedergeschlagen fühlen?                                                13. Wie häufig gehen Sie auf Partys, um Ihren Sorgen zu entkommen oder um sich von einer negativen Stimmung zu entlasten?                                                                                                                            14. Wie häufig fühlen Sie sich unruhig, frustriert oder gereizt, wenn Sie eine Party nicht besuchen können ?

Wichtig sind neben diesen Fragen beim Themenbereich Internetsucht andere Anhaltspunkte wie das Vernachlässigen von Freizeitinteressen und Freunden die vorliegen müssen, um problematischen Konsum zuerkennen.

Die Anmerkungen sollen dazu beitragen, die Funktion von social networks für die Lebenswelt der Jugendlichen zu verstehen. Sie sind als Anmerkungen und als Gedanken die beim Lesen der Studie mitgedacht werden sollten gedacht. Das heißt im Klartext: Die Kriterien für eine Sucht, nach und in social networks, müssen sich von den Kriterien der Computerspielsucht unterscheiden. Die klassischen Suchtkriterien müssen angepasst abgefragt werden und anders bewertet werden als in den bisherigen Studien. Das bedeutet nicht, dass es kein Problem darstellen kann Facebook und Co. als ständigen Begleiter zu haben. Doch die Auswirkungen sind noch nicht erforscht und ob es eine Sucht ist oder eine neue Art zu Kommunizieren muss dringend erforscht werden, damit weder Pessimismus noch übertriebene Begeisterung die Debatten bestimmen – sondern Fakten. Darum: Bitte weiterforschen!!! Und danke an die Forscher für die Pionierarbeit!

Weiterführende Links:

http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,788488,00.html

http://vonuntengesehen.posterous.com/schlagwort-schlagzeile-stigma

http://www.taz.de/Studie-sieht-halbe-Million-Internetsuechtige/!78875/

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